Zu starke Nebenwirkungen! – Der Einsatz bestimmter Antibiotika wird eingeschränkt

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Eigentlich sind Fluorchinolone keine Allerwelts-Antibiotika, sondern gehören zu den sogenannten „Reserveantibiotika“. Das bedeutet, sie sind dafür gedacht, dass – wenn kein anderes Antibiotikum mehr wirkt – als Notfallantibiotikum wirklich sicher zu wirken. Die Idee dahinter ist, durch sehr zurückhaltende Anwendung zu verhindern, dass sich Resistenzen auch gegen diese Gruppe von Antibiotika bilden. Zum anderen sind diese Mittel sehr stark und weisen schwere Nebenwirkungen auf. Der Bestandteil Fluor ist immerhin offiziell als Neurotoxin gelistet und sorgt auch für die erheblichen Nebenwirkungen. Nur sind diese im Notfall – um das Leben des Patienten zu retten – zu verantworten. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wendet sich nun mit Ermahnungen an die Ärzteschaft.

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Zu sorgloser Umgang mit Reserveantibiotika und deren Nebenwirkungen

Denn Ärzte verschreiben Fluorchinolone weitaus häufiger, als in Notfällen und unterlaufen so das Konzept des Reserveantibiotikums. Daher mahnt das BfArM die Ärzteschaft, Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone wegen ihrer schweren Nebenwirkungen nur noch stark eingeschränkt zu verschreiben.

Laut dem wissenschaftlichen Institut der AOK wurden im Jahr 2015 knapp sechs Millionen Packungen mit fluorchinolonhaltigen Antibiotika verordnet, ein Gutteil davon von ganz normalen Hausärzten und das bei Erkrankungen, die nicht selten ganz ohne Antibiotikum behandelt werden können. Eine Untersuchung der Universität Bremen stellte fest, 50 Prozent aller Frauen, die wegen einer harmlosen Blasenentzündung zum Arzt gehen, bekommen von ihrem Hausarzt ein Rezept für Fluorchinolone.

Antibiotika der Gruppe der Fluorchinolone sind in Deutschland:

  • Ciprofloxacin,
  • Norfloxacin,
  • Enoxacin,
  • Ofloxacin,
  • Levofloxacin,
  • Moxifloxacin

Diese Mittel sollen in Zukunft nicht mehr schon zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Infektionen eingesetzt werden, bei denen andere Antibiotika oder auch Möglichkeiten der Behandlung ohne Antibiose erfolgversprechend sind. Insbesondere eine Vorbeugung von Reisediarrhö (Durchfall) oder Harnwegsinfektionen durch die umstrittenen Fluor-Antibiotika soll regelrecht verboten werden. Der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) empfahl ein solches Verbot dringend, nachdem bei einer öffentlichen Anhörung betroffene Patienten ihre Gesundheitsschäden durch die Nebenwirkungen von Fluorchinolonen schilderten. Manche Patienten hatten sehr langanhaltende, ernste Beschwerden, einige müssen sogar mit Dauerschäden durch die Antibiotika leben. Weitere Symptome waren Stimmungsstörungen und andere psychische Auswirkungen sowie Herzprobleme. Einige Patienten haben sich nur langsam und teilweise von den Folgen erholt. Viele waren krankgeschrieben oder sie konnten sich nicht mehr sportlich betätigen. Von den ernsten Problemen mit dieser Antibiotika-Gruppe berichteten Patienten 2018 in einer Sendung von „Stern TV“: Sie litten unter Muskelschwäche, Sehstörungen, Panikattacken und Zahnausfall, Symptome, die im Anschluss auf die Einnahme von Fluorchinolonen auftauchten. „Ich sitze seitdem im Rollstuhl“, sagte ein Patient, der Levofloxacin eingenommen hatte.

„Bestimmte schwerwiegende Nebenwirkungen von Fluorchinolonen können lang anhalten, die Lebensqualität beeinträchtigen und sind möglicherweise irreversibel“, schreibt das BfArM. Betroffen seien vor allem Sehnen, Muskeln, Gelenke und das Nervensystem.

Die Nebenwirkungen und Gesundheitsschäden durch Fluorchinolone wurden erst nach und nach wirklich wahrgenommen. Das erste Präparat dieser Gattung, Ciprofloxacin, wurde im Januar 1987 in den USA zugelassen. Erst zwanzig Jahre später, im Juli 2008, nach vielen Nebenwirkungsschäden, ordnete die FDA endlich an, einen umrahmten Warnhinweis („Boxed Warning“) in den Fachinformationen zu drucken, der auf das Risiko von Sehnenentzündungen und Sehnenrissen hinwies. Im Februar 2011 wurde die „Boxed Warning“ um einen neuen Hinweis auf die Verschlechterung bei Patienten mit Myasthenia gravis erweitert. Seit August 2013 sind die Hersteller verpflichtet, auf das Risiko einer irreversiblen peripheren Neuropathie hinzuweisen.

Inzwischen warnt die FDA auch vor mentalen Störungen und dem Risiko von Blutunterzuckerung bis hin zum Koma bei Einnahme dieser Medikamente.

Fluorchinolone werden immer noch recht freizügig eingesetzt

Und dennoch: Trotz all dieser erschreckenden Risiken werden Fluorchinolone gerne und häufig (auch in Deutschland) bei Infektionen wie Nasennebenhöhlenentzündungen, Bronchitis oder Harnwegsinfektionen verordnet, für die es deutlich sicherere Alternativen gibt. Fluorchinolone sollten aber nur bei lebensbedrohlichen Situationen verordnet werden oder wenn es bei hartnäckigen chronischen Infektionen keine Alternativen gibt.

In den USA ist es mittlerweile verboten, diese Stoffgruppe bei Allerweltsinfekten weiterhin zu verschreiben. Nun soll diese Einschränkung auch in Europa kommen.

Was viele der geschädigten Patienten sehr empörte, war, dass sie ahnungslos und gutgläubig diese Fluorchinolone oft für nur kleinere Infektionen oder gar zur Vorbeugung von Infektionen verschrieben bekommen und eingenommen hatten. Die meisten Patienten waren sich der Risiken gar nicht bewusst.

Bessere Schulung zu Risiken und Nebenwirkungen

Manche der Betroffenen forderten sogar ein Verbot, andere eine Beschränkung des Einsatzes dieser Antibiotika auf Krankenhäuser und Notfälle. Auch eine bessere Schulung der Ärzte zu den Risiken und Nebenwirkungen sei mehr als dringend erforderlich. Die meisten Patienten fühlten sich nur unzureichend über die Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt.

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Bei den Fluorchinolonen werden folgende Einschränkungen der Indikationen empfohlen:

  • Fluorchinolone sollen nicht mehr angewendet werden bei Infektionen, die auch ohne Behandlung abklingen oder die nicht schwer sind wie etwa Halsentzündungen.
  • Fluorchinolone sollen nicht mehr zur Vorbeugung der Reisediarrhö oder wiederkehrender Infektionen der unteren Harnwege eingesetzt werden (sofern sie nicht über die Blase hinausgehen).
  • Patienten, bei denen es vormals zu schweren Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Fluorchinolonen oder Chinolonen gekommen ist, sollen nicht mehr mit diesen Antibiotika behandelt werden.

Grundsätzlich soll bei leichten bis mittelschweren Infektionen kein Fluorchinolon-Antibiotikum mehr eingesetzt werden, wenn andere Antibiotika oder andere Therapien zur Verfügung stehen.

Zur Vorsicht soll bei älteren Patienten, Patienten mit Nierenfunktionsstörungen, Patienten, die eine Organtransplantation hatten oder Patienten, die mit Kortikosteroiden behandelt werden, ebenfalls der Einsatz von Fluorchinolonen unterbleiben. Die Empfehlungen werden jetzt zur endgültigen Entscheidung an die Europäische Kommission weitergereicht. Diese ist zwar nicht an die Empfehlung gebunden, richtet sich in aller Regel jedoch danach.