Organentnahme: Viele falsche Hirntode diagnostiziert – Zentrale Klinik für Organentnahme geplant

„Der Hirntod ist kein wissenschaftlicher Fakt, sondern es ist eine soziale Übereinkunft darüber, wann wir jemanden als tot betrachten“ sagen selbst Medizinwissenschaftler. Kein Wunder, dass bei soviel Werbung für Organspende der Bürger nachdenklich wird. (Bildmontage: NIki Vogt, Bildquellen: Hintergrund Unfall: pxhere public domain, Gehirn: Pixabay)

Zentrale Organentnahme-Klinik in Berlin geplant

Das neue Transplantationsgesetz, ist vom Deutschen Bundesrat gebilligt worden. Sobald der Bundespräsident das Gesetz unterschrieben hat, erhält es Gültigkeit. Wer also einer Organentnahme nicht zustimmt, muss dieser ausdrücklich widersprechen, ansonsten gilt er als potentieller Organspender. Die Hoffnung der Mediziner ist, dass viele Menschen – ob aus Überzeugung oder Bequemlichkeit – keinen Widerspruch einlegen. In Spanien hat diese Taktik beispielsweise Erfolg und beschert den Operateuren wesentlich mehr Organspender, als Bürger jener Länder, in denen es einer ausdrücklichen Einwilligung bedarf. Dilek Kolat (SPD), Berlins Gesundheitssenatorin, rechnet allerdings in Deutschland auch nach dem Inkraft­treten nicht mit einem rasch wachsenden Angebot von Spenderorganen.

Dabei steht alles schon in den Startlöchern: Schon heute gibt es 85 Organ-Entnahmekliniken in Berlin und Brandenburg mit eigens ausgebildeten Transplantations­beauftragten. Laut Frau Kolat müssten aber die Abläufe in den Kliniken organisatorisch noch verbessert werden, um potenzielle Organspender besser zu identifizieren. „Die Kliniken sind oft sich selbst überlassen“, sagte sie in einem rbb-Interview. Kolat plant daher, die Kliniken bei der Organentnahme zu entlasten und will eine zentrale Entnah­meklinik in Berlin einrichten, die sich auf genau diese Tätigkeit fokussiert. Dafür komme ihrer Auffassung nach die Charité in Frage: „Viele Krankenhäuser schaffen das im Alltag nicht. Hier braucht man Spezialisten“, erläutert Frau Dilek Kolat.

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Die Deutschen sind eher reserviert bei diesem Thema

Trotz einer groß angelegten Propagandakampagne für den Organspendeausweis ist die Stimmung in Deutschland eher skeptisch, auch wenn gern das Gegenteil behauptet wird. Berlin verzeichnete zwar einen Anstieg von Spendewilligen von 9,8 Spendern (pro eine Million Einwohner) im Jahr 2017 auf 13,2 Spendewillige (pro eine Million Einwohner). Da Berlin ca. 3,5 Millionen Einwohner zählt, sind das genau 46,2 Berliner, die willig sind, ihre Organe zu spenden. Das ist doch eher als zurückhaltend zu werten. Auch die Stadt mit dem stärksten Zuwachs an Organspendern, Hamburg, verdreifachte fast die Zahl der Spendewilligen von 13,3 auf 30,0 Spender pro Million Einwohner. Bei einer Einwohnerzahl von 1,8 Millionensind dort also ganze 54,3 Bürger einverstanden, ihre Organe zu spenden. Die Bürger Bayerns, Bremens, Hessens, Niedersachsens und in Rheinland-Pfalz sind sogar weniger willens als früher und dort ist die Zahl der Spendewilligen sogar deutlich rückläufig – trotz – oder vielleicht wegen – der Werbekampagne.

Ärzte erklären Patienten oft fälschlicherweise für hirntot

Meldungen wie diese dürften die Bereitschaft, sich noch lebendig ausschlachten zu lassen auch nicht gerade befeuern. Die Süddeutsche berichtete, dass in deutschen Krankenhäusern Menschen oft fälschlicherweise für hirntot erklärt werden. Nach Recherchen der Zeitung seien schon manche Totenscheine korrigiert worden. Der SZ wurden Unterlagen an die Hand gegeben, die belegen, dass in mehreren Fällen der Hirntod nicht nach den vorgeschriebenen Richtlinien festgestellt wurde. Die SZ fand heraus, dass die Ursache dafür in der ungenügenden Ausbildung der Ärzte zu sehen sei. Keine Lappalie angesichts des neuen Organspendegesetzes.

Die Süddeutsche schreibt:

„In einem Fall – bei einem Kleinkind – entnahmen Mediziner Organe für die Transplantation, ohne dass der Hirntod richtig diagnostiziert worden war. In acht weiteren Fällen aus den vergangenen drei Jahren, die der SZ vorliegen, haben Mitarbeiter der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) die Fehler gerade noch rechtzeitig vor der Organentnahme entdeckt. Die DSO-Mitarbeiter sind allerdings gar nicht für die Kontrolle der Hirntoddiagnostik zuständig. Es ist die Aufgabe von Ärzten, das zu überprüfen, sie stehen in der Hierarchie viel höher als die DSO-Mitarbeiter. Diese trauten sich deshalb häufig gar nicht, die Mediziner auf ihre Unkenntnis hinzuweisen: „Viele Kollegen verkneifen sich eine Korrektur. Sie nehmen die falsche Diagnostik einfach hin und leiten die Organspende ein“, sagte ein Insider der SZ. Eine frühere DSO-Mitarbeiterin bestätigt dies: „Den Mut, sich mit den Fachärzten anzulegen, haben die wenigsten“, sagt sie.“

Saloppe Hirntoddiagnosen und uneinsichtige Ärzte

Darauf angesprochen, reagieren einige Ärzte aber nicht mit Betroffenheit, sondern mit „schnippischen Reaktionen“ und „Beharren auf dem Standpunkt“, alles richtig gemacht zu haben. Da patzt eine Ärztin, die eine fehlerhafte Hirntod-Diagnose gestellt hatte, sie „mache das immer so“ und weigerte sich, die Diagnose neu zu machen. Und sie wird daraufhin auch noch sarkastisch, ob sie denn jetzt der Verwaltung einen verstorbenen Patienten wieder als lebendig melden solle. Laut Bericht gaben die Ärzte oft erst dann klein bei, „nachdem sich höhere Stellen eingeschaltet hatten“, so die Süddeutsche.

Das ist extrem brisant, denn gerade an dem einwandfrei festgestellten Hirntod hängt die Möglichkeit, einem noch lebenden Körper die Organe entnehmen zu dürfen. Ein wirklich komplett Toter, also eine klassische Leiche, taugt nicht mehr zur Organentnahme. Wird also selbst der schon sehr umstrittene „Hirntod“ so salopp diagnostiziert, kann auch den Willigsten nur noch das Grausen packen. Dabei ist sogar strittig, inwieweit auch der korrekt festgestellte Hirntod Aussagekraft dahingehend besitzt, ob der Mensch wirklich nichts mehr spürt und wahrnimmt. Ob ein diagnostizierter Hirntoter wirklich tot ist, ist sogar unter Medizinern umstritten.

 

Lebendig oder tot? Neben dem Herztod gilt seit 1968 auch der Hirntod als Ende des Lebens. Doch Wissenschaftler äußern zunehmend Zweifel. Dabei benötigt die Transplantationsmedizin ein Todeskriterium, denn nur Toten dürfen lebenswichtige Organe entnommen werden.

Aber sind Organspender wirklich tot? Seit der ersten erfolgreichen Herztransplantation 1967 gehören Organspenden in vielen Ländern zum Klinikalltag. Doch die Akzeptanz scheint in einigen Ländern abzunehmen: In Deutschland sinkt die Zahl der postmortalen Organspender kontinuierlich, von 1.200 Personen im Jahr 2011 auf 797 im Jahr 2017. Und in Staaten wie Japan wird die Transplantationsmedizin von der Bevölkerung schon seit Jahrzehnten kritisch gesehen und kaum angewandt.

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Die Dokumentation macht sich auf eine Spurensuche rund um den Globus: Warum stehen Menschen der Organspende skeptisch gegenüber? Ein Grund für das Unbehagen an der Transplantationsmedizin scheint die Diskussion um den Hirntod zu sein. Seit 1968 gibt es neben dem Herz-Kreislauf-Tod diese weitere Definition des Todes: den sogenannten Hirntod. Er gilt zugleich als Bedingung für eine postmortale Organspende.

Medizinethiker wie Professor Robert Truog von der Harvard Medical School kritisieren dieses Konzept: „Der Hirntod ist kein wissenschaftlicher Fakt, sondern es ist eine soziale Übereinkunft darüber, wann wir jemanden als tot betrachten“, so Professor Robert Truog. In der Dokumentation kommen Transplantierte und ihre Angehörigen, Mediziner, Ethiker und Politiker zu Wort. Sie alle suchen nach Antworten auf die Frage nach dem Zeitpunkt des Todes. Denn die Antwort darauf wird wesentlich mitbestimmen, wie es in Frankreich, Deutschland und weltweit mit der Praxis der Organspende weitergehen wird.