Eva Herman: Die Vermännlichung der Frau

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Wichtige Erkenntnisse über die physiologischen Gründe von geschlechtsspezifischen Verhaltensunterschieden lieferten die Hormonforscher. Auch das Beispiel von Bruce/Brenda hatte gezeigt, dass keine Geschlechtsänderung möglich, war, dennoch vermutete man aber einen Zusammenhang zwischen Hormonhaushalt und Verhalten.

(Von Eva Herman)

Eine seltene Krankheit in Indien brachte die Wissenschaftler auf die Spur. In einer Familie verwandelten sich aufgrund eines genetischen Defekts mehrere als Mädchen geborene Kinder während der Pubertät allmählich in Jungen. Durch die falsche Hormonsteuerung veränderten sie jedoch nicht nur ihr äußeres Erscheinungsbild. Als ihnen plötzlich Barthaare wuchsen, die Stimme brüchig wurde und der Busen sich zurückentwickelte, legten sie auch ihre weiblichen Verhaltensformen ab.

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Aus der Zoologie wusste man schon länger, dass durch gezielte Hormongaben vorübergehende Verhaltensänderungen erzeugt werden können. Bei Tierversuchen hatte man zum Beispiel herausgefunden, dass eine regelmäßige Testosteronzufuhr bei Zebrafinkenweibchen zu einer deutlichen Umformung jener Hirnareale führte, die für den Gesang zuständig sind. Als das Testosteron abgesetzt wurde, bildeten sich diese Areale auf ihre Normalform zurück. Durch die Hormongaben konnte das Weibchen also »ähnlich« singen wie ihr männliches Pendant. Ein Männchen aber wurde es dadurch nicht.

Spannend wird es, wenn wir uns damit auseinandersetzen, dass Hormone auch der Grund dafür sind, dass selbst kleinere Mädchen und Jungen auf unterschiedliche Art und Weise aggressiv bei Stress reagieren. Testosteron, ein vorwiegend männliches Geschlechtshormon, sorgt dafür, dass das Verhalten bei Jungen eine deutlich provokativere Komponente erhält. Das männliche Konkurrenzverhalten muss man deshalb auch als Ausdruck eines entsprechend geschlechtsspezifischen Hormonspiegels begreifen.

Es ist aufschlussreich, sich einmal anzusehen, was Testosteron alles bewirkt. Es lässt Muskeln wachsen und macht stark, andererseits erhöht es die Konzentration von Cholesterinlipiden im Blut, weshalb Männer eher an Herz-und Gefäßerkrankungen leiden und auch nicht so lange leben wie Frauen. Die weiblichen Hormone, etwa Östrogene oder das Gelbkörperhormon, bieten Frauen dagegen einen gewissen Schutz: vor zu viel Blutfett und auch das wird wenigstens vermutet – vor anderen Krankheiten wie. Autismus und Immunstörungen, die bei Männern in viel größerer Häufigkeit auftreten als bei Frauen.

Wenn Frauen heute ein anstrengendes, auf Konkurrenz beruhendes Berufsleben bewältigen müssen, kann sich ihr Testosteronspiegel erhöhen, weil er offenbar hilft, die anstehenden Aufgaben besser zu bewältigen. Bekanntlich können weibliche Sportler durch Testosteronzugaben ihre Muskeln vergrößern und auf diese Weise ihre Leistung erhöhen. Zu Männern mutieren sie dadurch zwar nicht, der Preis dafür ist jedoch eine tiefere Stimme, Ansätze von Bartwuchs und eine Zurückbildung der weiblichen Brust. Aber auch ganz normale Frauen können an sich beobachten, wie sich schon schwache Veränderungen des Hormonspiegels, ausgelöst durch belastende Lebensumstände, bemerkbar machen. Biologen wissen heute recht genau, wie sich der Hormonhaushalt von Frauen verschiebt, die männliche Verhaltensweisen übernehmen.

Und wie eine solche Veränderung aussieht, bekam ich aus persönlicher Erfahrung zu spüren: Als die Ehe mit dem Vater meines Kindes zu Ende war und ich mich als allein erziehende Mutter wiederfand, nahmen Stress/ Überlebensängste und Existenzzweifel in mir überhand. Eine verständliche Reaktion, denn plötzlich sah ich mich in der Verantwortung für zwei Leben – meinem und dem noch viel schützenswerteren meines Kindes. Ein Jahr nach der Trennung fielen mir die Haare büschelweise aus, ein Umstand, der keiner Frau besonders große Freude bereitet. Ich sah bereits meine Arbeit beim Fernsehen gefährdet und ließ mich ärztlich untersuchen. Der Befund war eindeutig: Mein Hormonspiegel enthielt zu wenig Östrogene, also weibliche Hormone, dafür einen deutlichen Überschuss von Testosteron.

Dass ich gleichzeitig einige Kilo Gewicht verlor, mag an den Strapazen dieser anstrengenden Zeit gelegen haben, doch auch der Östrogenmangel spielte dabei eine entscheidende Rolle. Der Gewichtsverlust sorgte dafür, dass mein Körper einige weibliche Rundungen verlor, dass ich schmaler und knabenhafter wirkte. Ganz eindeutig war ich auf dem besten Wege, mich zu »vermännlichen«, ausgelöst durch eine Überforderung.

Diese Beobachtung machen immer mehr Ärzte. Die hormonellen Folgen bei der Übernahme männlicher Aufgaben mit all ihren Konflikten sind beispielsweise Hautärzten gut bekannt. Viele Frauen klagen neuerdings auch jenseits der Pubertät über Akne. Der Grund für diese »Spätakne« sind meist Hormonstörungen, die durch unbewältigten Stress ausgelöst werden. Die vermehrte Ausschüttung von männlichen Hormonen führt medizinisch gesehen zu einer stärkeren Verhornung der Haut, was Akne stark begünstigt. Es ist also buchstäblich so, dass Frauen »eine dickere Haut« bekommen, wenn sie unablässig großen Überanstrengungen ausgesetzt sind. Die Kosmetikindustrie hat übrigens längst reagiert und bietet zunehmend-Anti-Akne-Produkte an, die für Frauen über dreißig gedacht sind.

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Dass sich auch die Mode auf solche körperlichen Veränderungen einstellen muss, kann ein Blick in Boutiquen bestätigen. Die typisch weiblichen Rundungen, wie sie Östrogene erzeugen, verschwinden, die so genannte Sanduhr-Figur wird immer seltener. Daher muss bei den Schnitten der Kleidung berücksichtigt werden, dass die Hüften der Frauen allgemein schmaler geworden sind und die Oberweite kleiner – bei gleicher Konfektionsgröße.

Gleichzeitig veränderte sich das Schönheitsideal. Marilyn Monroe, das Sexsymbol der sechziger Jahre, trug noch Größe 42 (nach damaligen Maßstäben) heute ist es undenkbar, dass eine unserer jetzigen Film- oder Model-Ikonen mit dieser Kleidergröße Karriere gemacht hätte. Weibliche Formen sind verpönt, und die Supermodels machen uns vor, dass die perfekte Frau einzig aus Haut und Knochen besteht. Vor zwanzig Jahren wogen die Models übrigens 8 Prozent weniger als die Durchschnittsfrau, heute sind es schon 23 Prozent.

Wer all diese Dinge zu reinen Äußerlichkeiten erklärt, der verkennt, wie sehr die Orientierung an männlichen Rollen in den Seelenhaushalt und die körperliche Gesundheit von Frauen eingreift.

 

Auszug aus dem Bestseller Das Eva-Prinzip von Eva Herman, erschienen 2006

Eva Herman – www.eva-herman.net