Elbvertiefung: Stirbt die Unterelbe, stirbt auch das UNESCO-Welterbe Wattenmeer

Der Name „Watt“ stammt aus dem Altfriesischen „Wada“, was aus dem alten Wortstamm „Wasser“ (Englisch „water“, russisch „woda“,  schwedisch „vatten“, isländisch „vatn“)  herrührt. „Wada“ bedeutete „durchwaten“, „durch seichtes Wasser gehen“, was recht gut beschreibt, wie man sich im Wattenmeer bewegt.

(Von Niki Vogt)

Nicht ohne Grund ist das Wattenmeer ein unter dem UNESCO-Welterbe geschütztes Stück Land. Es ist einzigartig, ein seltsamer, faszinierender Lebensraum. Das Wattenmeer, Zwischenwelt zwischen Meer und Land, wechselt stündlich sein Aussehen: Mal ein Strand, an den die Wellen anrollen, mal unendlich weiter Meeresboden, so weit das Auge reicht. Es ist prall voll Leben, wirkt bisweilen fast verlassen und harmlos und ist doch auch gefährliche, ungezähmte Wildnis. Nicht selten geraten unwissende Wattwanderer in Not und müssen eiligst geborgen werden, weil sie keine Ahnung davon haben, wie schnell und mächtig die lebensgefährliche Flut über die so friedlich im Sonnenlicht dösende, schimmernde, riesige Ebene hereinkommt.

Einmaliger Lebensraum Wattenmeer – geprägt von den Gezeiten und Jahreszeiten

Mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten ist diese scheinbar öde Landschaft ein Zuhause. Jedes Jahr ziehen Zehn- bis Zwölfmillionen Zugvögel hier durch, finden Platz und Nahrung in Fülle, bevor sie in ihre Sommerquartiere weiterziehen. Das Watt ist ein Ort der Ausnahmeerscheinungen aller Art und ist viel größer als man glaubt: Über 450 Kilometer lang und bis zu 40 Kilometer breit, etwa 9000 Quadratkilometer groß liegt es zwischen Dänemark (im Nordosten), Deutschland (in der Mitte) und den Niederlanden (im Südwesten). Sie ist die größte, zusammenhängende Schlick- und Sandwattfläche auf unserem Planeten.

Bildtext: Bild: Science Education through Earth Observation for High Schools (SEOS) Project, Bildquelle: Wikimedia commons, Bildlizenz: CC BY-SA 2.0

Was auf den ersten Blick „leer“ aussieht, erweist sich auf den zweiten als höchst vielfältiger Lebensraum: Vom reinen Sand- und Schlickwatt über Sandstrände, Dünen, Kieselstrände, bis zu Seegraswiesen, Salzwiesen, Halligen, Felsen-Wattstrände sind sehr unterschiedliche und komplex funktionierende Lebensräume anzutreffen. In keiner Stunde am Tag findet man dieselbe Situation vor. Die wechselnden Gezeiten stellen mehrfach am Tag neue Herausforderungen an alles, was lebt im Watt. Dabei verändert sich auch die Landschaft dynamisch mit der Kraft des formenden Meeres. Sturmfluten, Wanderdünen, biophysikalische Prozesse und geologische Prozesse verändern diesen Streifen Land-Meer seit etwa 10.000 Jahren.

Eines der wichtigsten Tiere hier ist der Wattwurm (Arenicola marina). Er hat Kiemen wie ein Fisch und kann bis zu vierzig Zentimeter lang werden. Er ist der Hausmeister und Bauarbeiter des Watts. Bis zu einer Tiefe von einem Viertelmeter kauen und filtrieren die fingerdicken Wattwürmer den Sand- und Schlickboden jedes Jahr komplett durch. Das sind pro Wattwurm etwa 25 Kilo Meeresboden. Was er vorne in seinen Rüssel hineinschiebt, das scheidet er hinten aus. Die merkwürdigen Sand-Spaghettihäufchen im Watt sind sein Werk. Dabei hat er abgestorbenes Material und Bakterien als Nahrung aus dem Sand aufgenommen. Die Biologen nennen das „Bioturbation“, und es reinigt den Boden, „pflügt“ ihn geradezu um, befördert Nährstoffe an die Oberfläche und reichert den Boden mit Sauerstoff an. Überdies dient er Vögeln, wie dem Strandläufer und dem Austernfischer als Futter. Damit trägt er erheblich zum Leben im Watt bei. Ein bisschen spirituell ist er auch, denn er paart sich ausschließlich bei Vollmond im Oktober.

Leider ist diese Welt nun in der Mündungsregion der Elbe sehr bedroht

Doch über das Watt um die Elbemündung hat sich ein dunkler Schatten gelegt, der alles Leben dort bedroht: Die nächste Elbvertiefung scheint beschlossene Sache zu sein. Die Hafenstadt Hamburg hat sich zum Ziel gesetzt, die Unterelbe bis zum Hamburger Hafen noch weiter auszubaggern, damit noch mehr große Containerfrachtschiffe in einer tieferen Fahrrinne bis in den Hafen fahren können.

Damit wird nicht nur die Unterelbe zu einer Art Riesenkanal, durch den die Flut bis in den Hafen drängen kann und massenweise Sedimente hineinschiebt. Das bedingt jetzt schon eine ständige Ausbaggerung des Flussbettes der Unterelbe. Der Aushub wird teilweise an den Ufern gelagert, aber zum Teil auch weiter draußen, im Watt, beim sogenannten „Elbeästuar“, dem Mündungsdelta der Elbe mit all seinen Verzweigungen, dem Wattenmeer und seiner Ökologie.

Cuxhaven liegt sozusagen am Eingangstor zum Mündungsdreieck der Unterelbe. Tanja Schlampp ist hier geboren und aufgewachsen. Das Watt ist ein Stück ihrer Heimat, sie war als Kind und Jugendliche hier viel unterwegs. Einige Jahre war sie weg. Und als sie wiederkam sah sie, was mit dem Watt geschehen war.

Schon im Winter 2007-2008 tauchten im Sandwatt vor Cuxhaven die ersten Schlickfelder auf. Anfangs waren sie nur vereinzelt im ufernahen Bereich anzutreffen, erzählt sie. Die Cuxhavener wunderten sich. Der dunkle, schlammige Schlick passte gar nicht in das helle, feste Sandwatt. Im Laufe der Zeit breiteten sich die Schlickfelder immer großflächiger aus. Stellenweise ist der Wattboden und die darin lebenden Tiere (Wattwürmer, Krebse & Co.) mittlerweile mit einer dicken Schicht groben Sandes auf dem Schlick überschüttet. Das früher sauerstoffreiche und voller Leben wimmelnde Watt ist links vom Leitdamm bei Cuxhaven vollkommen verödet.

Das Leben erstickt unter dem verklappten Baggerschlick

Schlick ist sehr feines Sediment, was sich nur sehr langsam absetzt und nur in ruhigem Wasser. Können Ebbe und Flut ungehindert im Watt regieren, hat Schlick keine Chance. Doch in Bereichen, wo durch Dämme oder aufgeschüttetes Ausbaggerungsmaterial aus der Elbe die normale Strömung „beruhigt“ wird, lagert sich der Schlick ab. Wie zum Beispiel im Hamburger Hafenbecken, wohin die Flut ihn trägt. Von dort muss er wieder weggeschafft werden, um den Hafen nicht zuzusetzen. Das kostet Millionen Euro pro Jahr und einiges von den durch Schiffsdiesel und andere Stoffe belasteten Hafensedimenten wird bei Cuxhaven im Watt verklappt.

Tanja Schlampp erklärt, so gut es geht, die etwas komplizierten Vorgänge, die das „Cux-Watt“ schon jetzt enorm schädigen.

„Bis vor 10 Jahren kannten wir im Cuxhavener Watt keine großen Schlickfelder, weil die starke Strömung der Priele den Schlick immer wieder in die See hinaus schwemmten. Aber die Schließung der Lücke im Leitdamm bei der Kugelbake (ein hölzernes Seezeichen bei Cuxhaven) und die massiven Verklappungen von Elbe- und Hafen-Baggergut hier bei Cuxhaven führten zu einer rasanten Verlandung des Kugelbakefahrwassers und seinen angeschlossenen Prielen. Die Priele haben sich zurückgebildet oder sind ganz von der Oberfläche verschwunden. Die vom Flutstrom hereingebrachten Sandmassen können jetzt nicht mehr über die Priele entwässern, weil diese keine Verbindung mehr zu einer Fahrrinne haben und selbst immer mehr verlanden. Die feinen Trübstoffe aus der Elbe, die durch die Verklappungen hier hereinkommen, lagern sich auf dem

‚strömungsberuhigten‘ Watt als Schlickfelder ab.“

Aber, so erklärt Tanja Schlampp, die Priele sind die „Kinderstube“ und auch ein wichtiger Lebensraum für Wattenmeer-Bewohner. Zum Beispiel die Nordseegarnelen leben hier und auch viele Fische, wie Scholle, Finte und der berühmte Stint, der in der Elbe etwa 90% der Fischmasse ausmachte, seit der letzten Elbvertiefung aber schon fast verschwunden ist. Jedes Jahr bricht der noch verbleibende Bestand etwa um die Hälfte ein. Die Elbfischer sind höchst besorgt und die Naturschützer schlagen Alarm.

Die lebenswichtigen Priele verlanden

Dadurch, dass die Priele verlanden, fehlt die reinigende Durchspülung des Wattbodens. Sauerstoffmangel macht sich breit. Abgestorbenes Biomaterial fault, anstatt abgebaut zu werden. Und da die Würmer, Schnecken, Muscheln, Fische, Krebse und Krabben kaum noch überleben können, stirbt das Watt langsam, aber unaufhaltsam. Die Sedimentfallen begraben das Leben im Watt unter sich. Und der verklappte, mit Schadstoffen belastete Schlick aus dem Hamburger Hafen beschleunigt das Absterben weiter. Die Ökologie des Cuxhavener Wattenmeeres ist bereits jetzt schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, beschreibt Tanja Schlampp:

„Dazu kommt noch, dass die ausgebaggerten Flussbettsedimente der Unterelbe, die hier in der Salzwasserumgebung verklappt werden, ja Süßwasserbakterien enthalten, die hier absterben und das „Watt-Mikrobiom“ noch weiter verändern. Und wir reden hier nicht von ein paar Lastwagen voll belastetem Schlick, sondern von Hunderttausenden Kubikmetern, die hierhin verklappt werden. Auch die toten Bakterien werden zu Schlick und befördern eine riesige Algenblüte im Watt, die nachher auch wieder absterbendes Pflanzenmaterial hinterlässt, das kaum abgebaut wird. Mehrere Quadratkilometer hat sich diese Algenpest im letzten August hier ausgebreitet, das gehört hier überhaupt nicht hin und zeigt deutlich, dass hier was nicht stimmt!“

Auch die Bodenbeschaffenheit hat sich geändert, erzählt sie. Bleibt man in Strandnähe, fühlt sich der Wattboden unter den Füßen fast ideal an, nicht zu hart, nicht zu weich, es läuft sich beinahe federleicht darauf. Geht man aber gut drei Kilometer weiter nach draußen, bietet sich ein völlig anderes Bild. Hier breiten sich die Schlickfelder aus, in denen Wattwanderer bis zu den Knöcheln versinken und kaum vorankommen, und auf der Oberfläche hat sich durch die lang andauernde Hitze ein riesiger Algenteppich ausgebreitet.

Eine ökologische Katastrophe gebiert die nächste

Tanja Schlampp warnt vor den möglichen ökologischen Folgen, wenn die Algen bei kälteren Temperaturen absterben und von Bakterien zersetzt werden. Der Abbau der Pflanzen verbrauche Sauerstoff, der wiederum anderen Lebewesen im Wattboden fehlen wird. Der einzigartige Lebensraum Wattenmeer ist bei Cuxhaven vollkommen aus dem Gleichgewicht geraten und eine ökologische Katastrophe gebiert die nächste.

Auch, wenn die Behörden fleißig abwiegeln: Für Tanja Schlampp und die Bürgerinitiative „Rettet das Cux-Watt!“, in der sie sich engagiert, sind das alles sichtbare Beweise für die Folgen der Verklappungen von Baggerschlick aus der Elbe. Der Zusammenhang sei offenkundig, sagen Tanja Schlampp und Peter Roland von der Initiative und fordern Konsequenzen. Denn eine derart gravierende Veränderung im Weltnaturerbe Wattenmeer könne keine rein natürlichen Ursachen haben.

Seit Jahren schon entledigt man sich der stetig anfallenden, riesigen Mengen an Baggerschlick aus der Elbe und dem Hamburger Hafen gern im Watt. Unmengen davon werden bei Neuwerk/Scharhörn und beim Neuen Lüchtergrund am Ende des Leitdamms vor Cuxhaven verklappt. Die nachvollziehbaren Verdriftungen des abgeladenen Schlicks weisen direkt ins Watt vor Cuxhaven, wie eine Karte der Bundesanstalt für Wasserbau zeigt. Die Sedimente in der Trübwolke, die aufwirbelt, wenn der ganze Schlick abgeladen wird, lagern sich im Watt bei Neuwerk und vor Cuxhaven ab und bilden die großen Schlickfelder, erläutert Tanja Schlampp. „Diese riesigen Flächen haben mit dem ursprünglichen Sandwatt nichts mehr zu tun. Die üblichen Wattwanderungen zu den Seehundsbänken mussten bereits abgebrochen werden, weil das Gebiet für Besucher so gut wie unzugänglich geworden ist.“

Das sind aber nur die Schäden, die schon durch die letzte Elbvertiefung und die Erhaltungsbaggerungen in der Unterelbe angerichtet wurden. Die neuerdings beschlossene Elbvertiefung mit Zig-Millionen Kubikmeter Abraum aus dem Flussgrund zündet mit Sicherheit noch den Turbo für die Zerstörung des Watts in und um die Elbmündung herum. Die neue Elbvertiefung hat noch gar nicht richtig begonnen – noch gibt es nur vorbereitende Arbeiten und man streitet sich noch vor den Gerichten – aber bereits jetzt ist schon eine sich selbstständig verstärkende Eigendynamik zu beobachten. „Das System kippt schon von selber“, sagt der Sprecher des regionalen Bündnisses gegen die Elbvertiefung, Walter Rademacher, und er nennt es einen „Schneeballeffekt“.

Bei jeder Elbvertiefung haben die Unterhaltungsbaggerungen und Verschlickungen zugenommen, erklärt er: „Die Sohle wird glatter, die Elbe fließt schneller und immer mehr und feinerer Schlick entsteht.“ Das wird dieselbe Folge haben, wie die Vertiefung der Ems, sagt Rademacher. Dort betrage diese Schlick-Schlamm-Schicht bis zu vier Meter Dicke – und auf der Elbe entstehen zunehmend auch solche Bereiche. Der Fischer Walter Zeecks beobachtet, dass die Ems dadurch zu einem toten Fluss geworden sei. Und noch ein weiteres Phänomen taucht ganz neu im Zuge der Baggerei auf, erzählt der erfahrene Fischer: „Wir haben jetzt Unmengen von ganz alten Plastikteilen im Netz.“ Auch Biologen sehen den Schneeball talwärts zur Lawine rollen: „Wir haben ein kollabierendes System“.

Sollte die neunte, jetzt anstehende Elbvertiefung tatsächlich gnadenlos durchgezogen werden, wird nicht nur die Unterelbe ein toter Fluss sein. Das Wattenmeer wird ebenfalls sterben, denn die Verklappungen von ausgebaggertem Schlick werden noch massiv zunehmen. Trotz heftigster Bedenken des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) gegen die Baggergutverklappung im Cuxhavener Watt, die in einem Brief vom 7. November 2018 an die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) geäußert wurden, trotz Anfragen der Grünen im Landtag will das Land nicht herausrücken mit klaren Angaben zu den Plänen, wo und wie die Massen von ausgebaggertem Schlick entsorgt werden sollen.

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(Bild: Zeitungsartikel Verklappung im Watt)

Die Bürgerinitiativen, Naturschutzorganisationen, Elbfischer und Bürger Cuxhavens fordern dringend: „Wir fordern alle Verantwortlichen auf, der rasanten Zerstörung unseres Ökosystems Einhalt zu gebieten. Die Verklappungen aus dem Elbe-Schifffahrtsweg und dem Hamburger Hafen vor unserer Haustür müssen unverzüglich eingestellt werden.“

Hier kann jeder seine Stimme gegen die Elbvertiefung erheben:

https://weact.campact.de/petitions/stoppt-die-vertiefung-der-elbe-und-die-zerstorung-des-weltnaturerbes-wattenmeer