Die Pharmaindustrie kauft Apotheker, Ärzte und ganze Krankenhäuser!

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Die Pharmaindustrie greift tief in die Tasche, um Ärzte, Spitäler und Apotheken mit Spenden, Honoraren, Reisekosten und Sponsoring zu „unterstützen“. Dabei macht die Branche auch durchaus keinen Hehl daraus, dass sie das tut. Nachdem diese Praxis schon seit Jahren bekannt ist und immer wieder thematisiert wurde und in der breiten Öffentlichkeit auch als „Bestechungsgeld“ wahrgenommen wird, beschloss die Pharmaindustrie 2015, das ganze eben einfach öffentlich zu machen. So, als ob es dann vollkommen in Ordnung wäre.

Freiwillige Selbstkontrolle

Ähnlich, wie im Filmgeschäft, nennt sich das „Freiwillige Selbstkontrolle der Arzneimittelindustrie“ (FSA). Man will das Verhältnis von Arzt zu Pharmaindustrie transparent machen. So veröffentlicht die FSA, gemeinschaftlich getragen von 55 Pharmakonzernen, jedes Jahr, wie viel sie an Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken an Geld ausschüttet. Das nennt sich „Mithilfe bei der Arzneimittelforschung und für die Fortbildung“.

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Aufgeschlüsselt, stellt die FSA die Zuwendungen so dar: In die Zusammenarbeit im Bereich „Forschung und Entwicklung“ entfallen 63 Prozent der Geldmittel. Darin enthalten sind sowohl klinische Studien, aber auch die umstrittenen „Anwendungsbeobachtungen“, bei denen die Ärzte ihre Erfahrungen mit definierten Medikamenten in ihrem Praxisalltag aufzeichnen und anonymisiert an die Unternehmen weiterreichen. Organisationen wie etwa Transparency International sehen darin dagegen eine Scheinforschung, die eigentlich nur den Zweck verfolgt, indirekt Einfluss auf den Mediziner zu nehmen.

Für das Besuchen von Fortbildungsveranstaltungen erhalten Ärzte etwa 18 Prozent des Geldtopfes der Pharmaindustrie, darunter fallen auch Vortragshonorare. Weitere 18 Prozent gibt die Pharmaindustrie an diverse Institutionen zur Unterstützung von Veranstaltungen, Spenden und Stiftungen.

Sponsoring von Ärzten, Kliniken und Organisationen durch Pharmamultis ist weltweit Usus und es wird immer mehr. 2017 waren es 600 Millionen Euro, die die Firmen an ihre Einflussklientel ausschütteten. Die Zahlen von 2018 sind noch nicht bekannt und werden erst im Sommer publiziert werden. In der Schweiz waren es im Jahr 2017 160 Millionen Franken, genaue Verwendungszwecke werden hier aber noch ungern angegeben. In Österreich geht man etwas offener damit um. Hier legen pharmazeutische Unternehmen freiwillig offen, was sie im Rahmen von Kooperationen mit Angehörigen und Institutionen der Fachkreise (z.B. Ärzte, Apotheker, Pflegepersonal, Krankenhäuser oder Forschungsinstitutionen) bezahlt haben. Der Gesamtbetrag von 140 Mio. Euro an geldwerten Leistungen im Jahr 2017 gliedert sich in 89 Mio. Euro für Forschung (64 Prozent bspw. für die Mitarbeit bei klinischen Prüfungen), 31 Mio. Euro im Zuge von Veranstaltungen (22 Prozent für Kongress-Teilnahmegebühren u. ä.), 14,5 Mio. Euro für Dienst- und Beratungsleistungen (10 Prozent für Vortragstätigkeiten) und 5,5 Mio. Euro an Spenden und Förderungen (4 Prozent, bspw. für Patientenorganisationen oder Forschungsprojekte).

Korruption kommt aber noch „on Top“

Trotz der Bemühungen des Verbandes, per freiwilliger Selbstkontrolle und mehr oder weniger Transparenz, was Summen und Verwendungszweck angeht, es gibt daneben auch noch offenbar „Schwarzgelder“ in nicht unbeträchtlicher Höhe. So wird dem Pharmariesen Roche mutmaßliche Korruption, Betrug und Untreue vorgeworfen. Deutsche Behörden durchsuchten deshalb die Räumlichkeiten des Unternehmens in Wuppertal. Die Sache weitete sich aus, und auch weitere Medikamentenhersteller, wie Teva, Amgen und andere gerieten ins Visier der Staatsanwaltschaft. Mit Sponsoring zugunsten des Unternehmens eines Arztes soll Roche dafür gesorgt haben, dass Roche-Medikamente verschrieben werden:

„Wie kürzlich bekannt wurde, ermittelt die Staatsanwaltschaft Wuppertal gegen drei Ärzte sowie drei weitere Personen wegen Bestechungsvorwürfen: Teils sollen Patienten gegen womöglich illegale Gegenleistungen zugeführt worden sein, außerdem geht es um das Sponsoring einer wissenschaftlichen Veranstaltung, die der hauptverdächtige Arzt mitveranstaltet hat. Er hatte gleichfalls Geschäftsbeziehungen zu dem Bottroper Apotheker Peter S., der laut dem noch nicht rechtskräftigen Urteil des Landgerichts Essen über Jahre Zytostatika unterdosiert haben soll.“

Solche Geschäfte aufzudecken erfordert Ermittlungsarbeit. Anders nämlich, als in den USA etwa, wo die Unternehmen gezwungen sind, die Empfänger von Geldern auch namentlich zu nennen, verpflichtet die FSA ihre Mitglieder bis heute nicht, Ärzte dazu zu zwingen, namentlich aufzuscheinen. Eine namentliche Nennung erfolgt nur, wenn der Arzt zustimmt. Dabei könnten die Pharmakonzerne ihre Zahlungen ganz einfach davon abhängig machen, dass die Ärzte eine Namensnennung akzeptieren. Aber kaum ein Arzt erlaubt noch die Identifizierung. Schon 2015 waren nur 31 Prozent dazu bereit, 2016 sank der Wert auf 25 Prozent. 2017 haben ganze 20 Prozent noch der Namensnennung zugestimmt.

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Spitzenempfänger in der Krebsforschung

Auch andere Unternehmen werden kräftig gesponsert. In der Schweiz zum Beispiel Excemed, das sich selbst als «führenden globalen Anbieter» medizinischer Bildung bezeichnet. Insgesamt bekam die Genfer Organisation rund 4,7 Millionen Franken. Auf Platz eins in der Schweiz liegt Esmo in Viganello TI: Allein 10,3 Millionen Franken bekam die Gesellschaft für Krebsforschung im Jahr 2017 – 95 von 100 Franken als Spenden und Sponsoring. Esmo ist eine Bank in der Onkologie – sie richtet Kongresse aus, besitzt wissenschaftliche Journale und eine Gefolgschaft von 20’000 Mitgliedern weltweit.

Alles im Vergleich nur ein Klacks ?

Im Vergleich zu den rund 35 Milliarden Euro, die allein die deutschen gesetzlichen Krankenkassen im Jahr für ihre Versicherten ausgeben, scheinen die fast 600 Millionen Euro Zuwendungen der Pharmaindustrie nur ein Klacks zu sein. Pro praktizierendem Arzt in Deutschland kommen dabei im Durchschnitt nicht einmal 1500 Euro zusammen. Doch da nur ein Bruchteil der Mediziner auf die Angebote der Pharmabranche eingeht, kann ein besonders eifriger Arzt bis zu 100.000 Euro im Jahr und mehr erreichen.

Dennoch ist im vergangenen Jahr ca. ein Drittel der Ärzte dem Aufruf der „Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“ gefolgt und wurden mit Namen und Adresse inklusive der erhaltenen Summe öffentlich aufgeführt. Denn jeder Patient sollte ja herausfinden können, wie sein behandelnder Arzt zur Pharmabranche steht. Das wurde aber nicht gelobt , sondern hier kam eher der Sozialneid zu voller Blüte. Bis hin zu Hetzkampagnen gegen einzelne Ärzte, die ziemlich hohe Summen von der der Pharmabranche bezogen hatten.